Der geplante Verkauf des britischen Onlinehändlers Very Group dürfte vorerst scheitern. Eigentümer Carlyle findet offenbar keinen Interessenten, der die geforderte Mindestbewertung von rund zwei Milliarden Pfund akzeptiert. Nach Informationen von Sky News steht der Verkaufsprozess deshalb kurz vor dem Abbruch.
Carlyle hatte erst im November 2025 im Zuge einer finanziellen Restrukturierung die Kontrolle über Very übernommen. Der nominelle Kaufpreis von einem Pfund spiegelte dabei nicht den operativen Unternehmenswert wider, sondern war Teil der Neuordnung des hoch verschuldeten Händlers. Wenige Monate später leitete der Finanzinvestor einen Verkaufsprozess ein.
Carlyle dürfte Very Group vorerst behalten
Die Einleitung eines Verkaufsprozesses soll Bestandteil der Vereinbarungen rund um den Eigentümerwechsel gewesen sein. Eine Verpflichtung, Very unabhängig vom erzielbaren Preis tatsächlich abzugeben, bestand demnach nicht. Ohne ausreichendes Angebot kann Carlyle den Händler deshalb zunächst im eigenen Portfolio weiterführen.
Die finanziellen Voraussetzungen dafür wurden zuletzt verbessert. Im Februar 2026 verlängerte Very wichtige Finanzierungslinien bis mindestens 2029 beziehungsweise 2030. Nach einer Reduzierung der Konzernverschuldung um 150 Millionen Pfund wurden zudem Senior Secured Notes bis August 2030 verlängert und deren Kupon von 13,25 auf 9,75 Prozent reduziert.
Damit gewinnt Carlyle Zeit für weitere operative Verbesserungen. Ein erneuter Verkaufsversuch könnte folgen, wenn sich Ertragskraft und Wachstumsperspektiven des Unternehmens weiter verbessern und sich eine höhere Bewertung am Markt durchsetzen lässt.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
JD.com soll Übernahme ernsthaft geprüft haben
Als besonders relevanter Interessent galt der chinesische Handelskonzern JD.com. Eine Übernahme hätte dem Unternehmen einen schnellen Zugang zu einem etablierten britischen Onlinehändler mit Millionen Kunden, breitem Sortiment und eigenem Finanzierungsgeschäft ermöglicht.
Nach den vorliegenden Informationen prüfte JD.com eine Transaktion, akzeptierte die geforderte Bewertung jedoch nicht. Gleichzeitig verfolgt der chinesische Konzern weitere Expansionsprojekte in Europa, darunter die geplante Übernahme von Ceconomy mit den Elektronikketten MediaMarkt und Saturn.
Auch der US-Investor Elliott Advisors soll vorläufiges Interesse an Very gezeigt haben. Eine Offerte auf dem von Carlyle angestrebten Bewertungsniveau kam jedoch offenbar ebenfalls nicht zustande. Das Interesse potenzieller Käufer reichte damit nicht aus, um den Preisvorstellungen des Eigentümers zu entsprechen.
Very steigert EBITDA trotz stagnierender Umsätze
Operativ zeigt sich die Very Group vergleichsweise stabil. Im Geschäftsjahr 2024/25 sank der Konzernumsatz um 1,8 Prozent auf rund 2,09 Milliarden Pfund. Gleichzeitig erhöhte sich das bereinigte EBITDA um 15,9 Prozent von 264,9 auf 307,1 Millionen Pfund. Die entsprechende Marge erreichte 14,7 Prozent.
Auch im laufenden Geschäftsjahr setzt sich die Ergebnisentwicklung fort. In den 39 Wochen bis zum 28. März 2026 stiegen die Einzelhandelsumsätze der Kernmarke Very UK um 0,1 Prozent auf rund eine Milliarde Pfund. Die Konzernerlöse einschließlich Finanzdienstleistungen erhöhten sich um 0,3 Prozent auf etwa 1,6 Milliarden Pfund.
Das EBITDA vor Sondereffekten erreichte 218,6 Millionen Pfund und lag damit 1,7 Prozent über dem Vorjahreswert. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen zwischen 310 und 320 Millionen Pfund. Eine Unternehmensbewertung von zwei Milliarden Pfund entspräche damit gut dem Sechsfachen des oberen Endes dieser Ergebnisprognose.
Modegeschäft bleibt unter Druck
Hinter der verbesserten Profitabilität steht allerdings weiterhin ein schwaches Umsatzwachstum. Besonders Fashion und Sports entwickelten sich in den ersten 39 Wochen mit einem gemeinsamen Umsatzrückgang von 4,5 Prozent negativ. Das Sportgeschäft allein legte dagegen um 7,5 Prozent zu, während Spielwaren und Beauty um drei Prozent wuchsen.
Die gesamten Einzelhandelsumsätze der Gruppe einschließlich Littlewoods und Very Ireland gingen um 1,6 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Pfund zurück. Very verbessert damit seine Ertragskraft, obwohl das eigentliche Handelsgeschäft insgesamt kaum wächst.
Für einen künftigen Verkauf dürfte deshalb entscheidend sein, ob das Unternehmen neben Kostendisziplin und Margenverbesserungen wieder nachhaltiges Umsatzwachstum erzielen kann. Gerade im britischen Onlinehandel bleibt der Konkurrenzdruck durch etablierte Anbieter und internationale Plattformen hoch.
Finanzierungsgeschäft erhöht Wert und Komplexität
Eine Besonderheit der Very Group ist die Kombination aus Onlinehandel und Konsumentenfinanzierung. Very Finance erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 Erlöse von rund 433,6 Millionen Pfund und ist damit ein wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells.
Das Finanzierungsgeschäft ermöglicht zusätzliche Erträge und kann die Kundenbindung stärken. Gleichzeitig bringt es Kreditrisiken sowie regulatorische Anforderungen mit sich. Potenzielle Käufer müssen Very daher nicht nur als E-Commerce-Unternehmen, sondern auch als Anbieter umfangreicher Finanzierungsleistungen bewerten.
Für Carlyle beginnt nach dem voraussichtlichen Ende des Verkaufsprozesses damit eine längere Wertsteigerungsphase. Der Finanzinvestor muss die verbesserte Profitabilität stabilisieren und zugleich neues Wachstum schaffen, wenn die bislang vom Markt nicht akzeptierte Bewertung von zwei Milliarden Pfund bei einem späteren Verkaufsversuch erreicht werden soll.





