Adobe verlagert seine Kreativwerkzeuge zunehmend dorthin, wo Nutzer ihre Arbeit beginnen. Mit „Adobe for Slack“ stehen seit September weltweit mehr als 70 Funktionen aus Anwendungen wie Photoshop, Firefly, Acrobat, Premiere, Illustrator und Lightroom direkt in Slack zur Verfügung. Voraussetzung sind die Slack-Tarife Business+ oder Enterprise+.
Anwender können Slackbot in natürlicher Sprache mit Aufgaben beauftragen. Der KI-Assistent ruft passende Adobe-Werkzeuge auf und kann – abhängig von den Zugriffsrechten – Informationen aus Unterhaltungen, Dateien und Channels berücksichtigen. Dadurch sollen Abstimmung und Content-Produktion enger zusammenrücken.
Vom Chat direkt zum fertigen Asset
Marketing- und E-Commerce-Teams können beispielsweise Produktbilder bearbeiten, Hintergründe entfernen, Kampagnenmotive für unterschiedliche Kanäle anpassen oder PDFs und Videos erstellen. Auch Creative-Cloud-Assets lassen sich suchen und vorhandene Vorlagen weiterverarbeiten.
Für Händler ist das insbesondere wegen des wachsenden Content-Bedarfs relevant. Produkte benötigen zunehmend unterschiedliche Bilder, Videos und Werbemittel für Onlineshops, Marktplätze, Social Media, Retail Media und stationäre Displays. Werden diese Aufgaben direkt aus dem Kollaborationsumfeld angestoßen, können Wechsel zwischen verschiedenen Anwendungen reduziert werden.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Slackbot entwickelt sich zur Software-Schnittstelle
Strategisch relevant ist dabei die Rolle von Slackbot. Salesforce entwickelt den KI-Assistenten zu einer Schnittstelle, über die Nutzer unterschiedliche Unternehmenssysteme bedienen können. Eine technische Grundlage dafür bildet das Model Context Protocol, über das externe Anwendungen Werkzeuge für KI-Agenten bereitstellen können.
Salesforce zufolge stieg die Zahl der Slackbot-Nutzer im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 gegenüber dem Vorquartal um mehr als 150 Prozent. Bereits zuvor hatte das Unternehmen gemeldet, dass das Slack Model Context Protocol innerhalb von sechs Wochen mehr als eine Million aktive Nutzer erreichte.
Slack soll damit über seine bisherige Rolle als Kommunikationsplattform hinauswachsen und zunehmend als zentrale Oberfläche für KI-gestützte Unternehmensarbeit dienen.
Adobe verteilt seine Werkzeuge auf KI-Plattformen
Für Adobe ist Slack Teil einer größeren Plattformstrategie. Das Unternehmen hat seine Kreativ- und Produktivitätsfunktionen bereits in weitere KI-Umgebungen integriert. Anfang August stellte Adobe auch für ChatGPT mehr als 70 Werkzeuge bereit. Funktionen sind zudem über Claude und Microsoft Copilot verfügbar, Gemini soll folgen.
Damit reagiert Adobe auf einen grundlegenden Wandel der Softwarenutzung. Wenn Anwender Aufgaben zunehmend über natürliche Sprache an KI-Assistenten delegieren, verliert die klassische Benutzeroberfläche einzelner Anwendungen potenziell an Bedeutung.
Adobe versucht deshalb, die eigene Technologie unabhängig von der verwendeten Oberfläche relevant zu halten. Auch wenn eine Aufgabe in Slack oder einem anderen KI-Assistenten beginnt, sollen im Hintergrund weiterhin Adobe-Werkzeuge für Bildbearbeitung, Video, Dokumente oder generative Inhalte eingesetzt werden.
KI senkt Einstiegshürde für Kreativsoftware
Professionelle Anwendungen wie Photoshop oder Premiere werden dadurch nicht überflüssig. Komplexe Bearbeitungen bleiben weiterhin den klassischen Programmen vorbehalten. Für zahlreiche alltägliche Aufgaben benötigen Marketing-, Vertriebs- oder E-Commerce-Mitarbeiter jedoch nur einen kleinen Teil ihres Funktionsumfangs.
Anstatt Menüs und einzelne Funktionen bedienen zu müssen, können Nutzer künftig stärker das gewünschte Ergebnis beschreiben. Damit erreicht Adobe potenziell zusätzliche Anwender, die bislang keine umfassenden Kenntnisse professioneller Kreativsoftware besitzen.
Für Handelsunternehmen könnte insbesondere die Verbindung aus Unternehmenskontext, Zusammenarbeit und automatisierter Content-Produktion relevant werden. Der Produktivitätsgewinn entsteht dabei weniger durch einzelne KI-Funktionen als durch die Verkürzung kompletter Arbeitsabläufe.
Wettbewerb verlagert sich auf KI-Agenten
Die Entwicklung verschärft zugleich den Wettbewerb um die zentrale Oberfläche des digitalen Arbeitsplatzes. Salesforce baut Slackbot und Agentforce aus, während auch Microsoft Copilot, Claude und ChatGPT zunehmend Unternehmenssoftware und externe Werkzeuge einbinden.
Adobe verfolgt dabei einen vergleichsweise offenen Ansatz: Statt seine Funktionen ausschließlich innerhalb eigener Anwendungen anzubieten, stellt das Unternehmen sie unterschiedlichen KI-Plattformen zur Verfügung. Die Kreativtechnologie soll damit relevant bleiben, unabhängig davon, welcher Assistent den Auftrag entgegennimmt.
Die Strategie gewinnt auch vor dem angekündigten Führungswechsel an Bedeutung. Anil Chakravarthy soll zum 1. Dezember 2026 neuer President und CEO von Adobe werden, während der langjährige Vorstandschef Shantanu Narayen auf den Posten des Executive Chair wechselt. Die neue Führung übernimmt damit in einer Phase, in der KI-Agenten die traditionelle Beziehung zwischen Anwender und Software zunehmend verändern.





