Der Cybervorfall beim Logistikdienstleister CEVA Logistics zieht weitere Kreise im europäischen Handel. Auch About You untersucht nun einen möglichen unbefugten Zugriff auf Systeme und Daten innerhalb der CEVA-Systemumgebung. Gleichzeitig kämpfen andere Kunden des Logistikkonzerns bereits mit erheblichen Einschränkungen bei Versand und Warenverfügbarkeit.
Wie Fashionunited berichtet, aktivierte der Hamburger Onlinehändler eigenen Angaben nach seine Sicherheitsprotokolle, informierte die zuständigen Behörden und benachrichtigte potenziell betroffene Kunden. Wie viele Personen betroffen sein könnten und auf welche Daten möglicherweise zugegriffen wurde, ist bislang nicht bekannt. Die Untersuchung läuft weiter.
About You verlagert Logistikprozesse
Betroffen ist ein Distributionszentrum von About You, das CEVA als externer Partner betreibt. Um Auswirkungen auf Lieferungen zu begrenzen, verlagert der Onlinehändler notwendige Prozesse auf andere Standorte seines Netzwerks.
Damit zeigt sich eine zentrale Herausforderung ausgelagerter Logistik: Selbst wenn die eigenen Handelssysteme funktionieren, können Sicherheitsvorfälle bei eng eingebundenen Dienstleistern unmittelbar kritische Geschäftsprozesse treffen. Entscheidend wird dann, wie schnell alternative Lager- und Versandkapazitäten aktiviert werden können.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
De Bijenkorf kämpft mit eingeschränktem Onlineangebot
Besonders deutlich sind die Folgen beim niederländischen Warenhausunternehmen De Bijenkorf. Nachdem zunächst Lieferverzögerungen angekündigt worden waren, sind inzwischen zahlreiche Artikel im Onlineshop nicht verfügbar. Bestellbar sind vor allem Produkte, die noch in stationären Häusern vorhanden sind.
Das CEVA-Distributionszentrum in Tilburg versorgt sowohl die Warenhäuser als auch das Onlinegeschäft. Die Störung entwickelt sich damit von einem Versandproblem zu einem Verkaufsrisiko: Ein erreichbarer Webshop kann nur begrenzt Umsatz erzeugen, wenn wesentliche Sortimente nicht verfügbar oder logistisch nicht abwickelbar sind.
Für De Bijenkorf kommt der Vorfall in einem schwierigen Marktumfeld. Auf vergleichbarer Basis waren die Kundenausgaben 2025 um 8,3 Prozent zurückgegangen. Das operative Ergebnis verbesserte sich dagegen von 23,8 Millionen auf 24,7 Millionen Euro. Welche wirtschaftlichen Folgen die aktuelle Störung haben wird, hängt vor allem von ihrer Dauer und den verfügbaren Ausweichmöglichkeiten ab.
Händler reagieren mit unterschiedlichen Ersatzprozessen
Auch der Brillenhändler Ace & Tate musste sein Fulfillment anpassen. Brillenfassungen werden derzeit nicht regulär verschickt, sondern zur Abholung in Filialen angeboten. Kontaktlinsen können weiterhin auf dem üblichen Weg versendet werden. Das Netz aus 85 Geschäften in neun Ländern schafft damit eine alternative Vertriebsstruktur.
Nach Medienberichten gehört auch der niederländische Online-Marktplatz Bol zum Kreis betroffener CEVA-Kunden, vergleichbare Lieferprobleme sind dort bislang jedoch nicht bekannt. Wie stark Unternehmen getroffen werden, hängt unter anderem vom Umfang ausgelagerter Prozesse, den betroffenen Systemen und Standorten sowie vorhandenen Ersatzkapazitäten ab.
Der Vorfall besitzt zudem eine Datenschutzdimension. Nach bisherigen Angaben könnten bei CEVA persönliche Informationen wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder bestellbezogene Daten betroffen sein. Passwörter und Zahlungsinformationen sollen nach aktuellem Kenntnisstand nicht abgeflossen sein. Auch Kunden des Spieleunternehmens Valve wurden über einen möglichen Verlust personenbezogener Informationen im Zusammenhang mit dem Vorfall informiert.
Cyberresilienz muss Logistikpartner einbeziehen
Der Fall verdeutlicht, dass Cybersicherheit im Handel nicht an den eigenen Systemgrenzen endet. Logistikdienstleister verarbeiten und verbinden Bestellungen, Kundendaten, Lagerbestände, Versandaufträge und Schnittstellen zu zahlreichen Partnern. Ein erfolgreicher Angriff kann dadurch gleichzeitig IT-, Datenschutz- und Lieferkettenprobleme verursachen.
Für Händler gewinnt deshalb die Widerstandsfähigkeit des gesamten Partnernetzwerks an Bedeutung. Neben Sicherheitsstandards sind Notfallpläne entscheidend: Aufträge müssen gegebenenfalls auf andere Lager verteilt, stationäre Bestände genutzt oder alternative Fulfillment-Prozesse kurzfristig aktiviert werden können.
About You reagiert mit der Verlagerung von Prozessen auf andere Standorte, während De Bijenkorf stärker auf Filialbestände zurückgreift und Ace & Tate bei Brillen auf Abholung setzt. Die unterschiedlichen Reaktionen zeigen, welchen wirtschaftlichen Wert flexible Omnichannel- und Logistikstrukturen bei externen Störungen besitzen.
Der CEVA-Vorfall ist damit mehr als ein IT-Problem eines Dienstleisters. Er zeigt, wie abhängig digitalisierte Handelsmodelle von funktionierenden Logistiknetzwerken geworden sind. Fallen zentrale Systeme eines Partners aus, können sich die Folgen innerhalb kurzer Zeit von Datenschutzrisiken auf Warenverfügbarkeit, Kundenservice und Umsatz ausweiten.






